Das "Ob" und "Wann" des Folgewunders: Zwischen nicht wahrhaben wollen, Angst und unverstandener Trauer

Du hast Dein Kind verloren. Bist Sternenmama oder Sternenpapa geworden. Ganz unverhofft. Ganz plötzlich. Der Traum vom Familienglück scheint erst mal geplatzt. Diese Erfahrung hat Dein und Euer Leben für immer verändert. Es gibt kaum etwas das einschneidender ist. In vielerlei Hinsicht stellt dieser Verlust für Dich eine Herausforderung und Bewährungsprobe dar: für Dein Leben, für Dein Selbst, für die Beziehung zu Deinem Partner, für die Beziehung zu Deinen Familienangehörigen und für die Beziehung zu Deinen Freunden & Co.

 

 

 

Nichts ist mehr so wie es vorher war

 

 

 

Ohne Zweifel steckst Du gerade inmitten einer krisenhaften Situation voller Trauer, Schmerz und Veränderung. Eigentlich keine gute Zeit für Entscheidungen. Doch Deine Sehnsucht schreit nach einer Antwort: "Ob und wann planst Du ein Folgewunder?". Frauen und Männer beantworten diese Frage oft unterschiedlich, da sie eine unterschiedliche Art zu trauern haben. Sternenmamas haben das kleine Leben in sich getragen und trauern deshalb oft intensiver und leiden länger unter dem Verlust. Sternenpapas trauern ebenso um ihr Sternenkind, oft auf eine andere und unverstandene Art. Zusätzlich beschäftigt sie die Sorge um ihre Partnerin.

 

Sternenmamas

Für viele ist klar, dass sie es sobald wie möglich sofort wieder versuchen werden! Für andere ist klar, dass sie es zwar auf jeden Fall wieder versuchen, sich aber erst noch etwas Zeit lassen wollen. Wiederum für andere ist es nicht ganz so klar, weshalb sie diese Entscheidung vor sich her schieben.  Eine letzte Gruppe von Sternenmamas weiß, dass sie es niemals wieder versuchen werden, da ihr Traum vom Familienglück mit ihrem Kind gestorben ist. Entweder aus persönlichen Gründen, oder weil genetische Untersuchungen und Prognosen sie entmutigen.

 

Sternenpapas

Die Frage nach dem Folgewunder ist bei ihnen meist zweitrangig. Oft ist es so, dass sie sich nach ihrer Partnerin richten. Sie fühlen sich für sie verantwortlich, wollen dass es ihr gut geht. Sie wollen für sie stark sein. Der Kinderwunsch rückt nach hinten. Je nach individuellem Trauerprozess und gesundheitlichem Zustand der Frau ist es durchaus möglich, dass sie sich vorerst gegen ein Folgewunder entscheiden, selbst dann, wenn ihre Partnerin es wieder versuchen möchte.

 

 

 

 

Eine Frage Deiner und Eurer Trauer

 

 

 

Die Zeit nach dem Verlust ist sehr hart. Eine Jede und ein Jeder von uns hat sein eigenes Tempo und seine eigene Art der Trauer und der Verarbeitung. Es bringt nichts zu kategorisieren, zu Urteilen oder jemanden in Schubladen zu stecken. Es gibt kein zu kurzes oder zu langes Warten, um nach dem Verlust seines Sternenkindes wieder an ein Folgewunder zu denken! Vielleicht kannst Du das Geschehene direkt wahrhaben und annehmen...es kann aber auch längere Zeit verstreichen, bis Du dazu bereit bist. Vielleicht kannst Du direkt wieder voller Vertrauen, Mut und Kraft in die Zukunft blicken...Dich kann das Geschehene aber auch so dermaßen aus der Bahn werfen, das Du allen Halt verlierst und die Angst Dich so sehr im Griff hat, dass Du wie gelähmt bist und gar nichts mehr weißt. Die Nuancen zwischen nicht wahrhaben wollen und annehmen, zwischen dem Vertrauen und der Angst, dass es wieder passiert, sind so vielfältig, wie wir Menschen es auch sind. Es ist von vielen unterschiedlichen Parametern abhängig, wie sich Dein individueller Weg der Trauer gestaltet. Und von dieser Trauer ist es wiederum abhängig, wann der für Dich und Euch richtige Zeitpunkt ist, um an ein Folgewunder zu denken.

 

 

 

Frauen und Männer gehen mit ihrer Trauer und dem Wunsch nach einem Folgewunder anders um

 

 

 

Das Frauen und Männer den Verlust ihres Sternenkindes auf unterschiedliche Weise verarbeiten, und sich demnach unterschiedlich stark ein Folgewunder herbeisehnen, liegt vor allem in der Natur der Dinge: Frauen waren an ihrem Baby viel näher dran, da es in ihrem Körper aufwuchs. Sie haben an sich Veränderungen erlebt und haben ihr Baby vielleicht schon gespürt. Männer können diese Erfahrung nicht so unmittelbar durchleben wie ihre Frauen, einfach weil sie das Leben nicht in sich getragen und gespürt haben. Es war nicht Teil ihres Körpers. Und es ist nun mal so, dass der Schmerz über den Verlust umso intensiver ist, je intensiver auch die aufgebaute Bindung zum Baby im Bauch war. Es ist also nicht verwunderlich, dass Frauen tatsächlich meist tiefer und länger um ihr Sternenkind trauern als Männer. Ebenso wenig verwunderlich ist es, dass sich Frauen viel mehr in diesen Zustand zurück sehnen. Für sie ist es so, als wäre ein Teil ihrer selbst aus ihnen herausgerissen worden. Väter bauen meist erst nach der Geburt eine intensive Bindung und Beziehung zu ihrem Kind auf. Deshalb ist es für Sternenpapas durchaus ein Unterschied, ob sie ihr Sternenkind nach der Geburt gesehen und vielleicht sogar in den Arm genommen haben, oder nicht. Diese kurze Zeit des Kennenlernens und des Abschieds ermöglicht eben diese Verbindung zu seinem Kind, welche die Trauererfahrung zwischen beiden Partner näher bringt. Der Verlust wird dadurch auch für den Mann fassbarer und realer.

 

Männer trauern ebenso um ihr Sternenkind wie Frauen, jedoch anders! Sie machen vieles mit sich selbst aus, tragen ihren Schmerz nicht nach außen und sind eher pragmatisch. Zu ihrer Trauer kommt meist die Sorge um ihre Partnerin. Leider kann dieses "andere" Trauern leicht als Gleichgültigkeit interpretiert werden. Die Trauer des Vaters ist oft vergessen und völlig unverstanden. Selbst in der Arbeitswelt wird ihnen für diesen Verlust nicht ein einziger freier Tag zugestanden, sie müssen sofort wieder arbeiten. Nur wenige Menschen Fragen einen Sternenpapa nach seinem Verlust wie es ihm geht. Diese Frage bleibt meist nur den Sternenmamas vorbehalten. Kulturell vorgegebene Glaubenssätze wie "Männer weinen nicht" und "Männer müssen für ihre Frau stark sein", tragen ihr übriges bei. Erlebt man mal tatsächlich einen Mann, der sich der Trauer um sein verlorenes Kind hingibt, löst das meistens große Verwirrung aus. Schnell bekommt er dann den Stempel aufgedrückt "schwach" und seiner Frau keine Stütze zu sein. Wie trauert ein Mann denn jetzt richtig?

 

In vielerlei Hinsicht wird es ihm schwer gemacht seine Art des Trauerns zuzulassen, weshalb er diese nicht selten zurückhält. Auch Frauen wird es manchmal schwer gemacht auf ihre Art zu trauern, gerade dann wenn sie schon ein Kind an der Hand hält oder ihr Partner sehr in seine Trauer verfällt und Stütze braucht. Dann schlüpft sie in die Rolle der "Starken" und versucht  zu funktionieren. Es scheint, als gäbe es in jeder und jedem von uns zwei verschiedene Seiten in unterschiedlichen Anteilen, welche gelebt werden wollen: eine männliche und weibliche Seite. Wir alle tragen sie in uns, egal ob Frau oder Mann. Von daher ist es gar nicht so leicht immer von DER Frau oder DEM Mann zu sprechen, wenn es sich nicht gerade tatsächlich um die naturgegebenen Dinge handelt. Innerlich kann eine Sternenmama ziemlich viele männliche Anteile haben und ein Sternenpapa ziemlich viele weibliche Anteile. Diese großen Anteile möchten ebenso ihren Ausdruck finden wie die weniger großen. Wird eine Seite unterdrückt, weil man als Mann nicht schwach sein darf oder als Frau das Schwachsein vergisst, lebt man seine Trauer und seinen Schmerz nie ganz. Denn beide Seiten drücken ihre Trauer und ihren Schmerz unterschiedlich aus. Während der weibliche Anteil ihn vor allem über Sprache ausdrückt, drückt der männliche Anteil ihn über körperliche Empfindungen aus. Konkret heißt das nun, dass der männliche Anteil in uns seine von ihm erwartete und selbst gekannte Stärke mit Handlungen verbindet. Er ist der STARKE Fels in der Brandung, der alles tut und macht, damit es irgendwie weitergeht. Seine Handlungen verbindet er wiederum mit seinem Schmerz. Er verarbeitet den Schmerz durch sein Tun und Handeln. Dabei ist er stets angespannt und verliert die Zukunft nicht aus dem Blick. Dahingegen braucht der weibliche Anteil in uns mehr als "nur" sich selbst. Er ist der SCHWACHE, zerbrechliche und zu beschützende Part. Er benötigt die Nähe Anderer als Halt und um den Schmerz zu heilen. Er zeigt seinen Schmerz durch das Reden und versucht so das Vergangene zu vollenden (Lothrop, 2010).

 

Es ist ganz wichtig seine Trauer - und eben beide Seiten der Trauer - zu leben, denn nicht gelebte Trauer wirkt sich negativ auf die eigene Psyche und auf die Partnerschaft aus.

 

 

 

Nehmt Euch in Eurer Art zu trauern an

 

 

 

Euer Verlust stellt eine große Probe für Eure Beziehung dar. Sie kann in eine Krise geraten, sie kann sich aber auch vertiefen. Die Planung eines Folgewunders hängt davon entscheidend ab. Am wichtigsten ist es wohl, sich gegenseitig in seiner unterschiedlichen Art zu trauern anzunehmen und nicht zu versuchen, den Anderen zu ändern. Eine gegenseitige Nicht-Annahme und Sich-Nicht-verstehen-Können hat die Macht, die bestehende Liebe unter sich zu begraben. Schnell kommt es dann zu gegenseitigen Vorwürfen, das Gefühl nicht vestanden zu werden und keinen Raum für seine Trauer zu haben. Deshalb ist es zum einen wichtig zu verstehen, wie Du selbst und wie Dein Partner Schmerz und Trauer verarbeiten, und zum anderen auch, welche Besonderheiten Eure Trauersituation birgt:

  • Wie tief war die Bindung und Beziehung zu Deinem Baby im Bauch?
  • Hast Du mit der Schwangerschaft evtl. noch mehr verbunden? Wolltest Du bspw. Deine Beziehung kitten oder Deinem Job entkommen?
  • Konntest Du Dich verabschieden? Fühlst Du Dich schuldig bzw. hast Du das Gefühl, Du oder sonst jemand hätte es verhindern können?
  • Hast Du noch mehr Sternenkinder? Wie hast Du die vorhergehenden Verluste verarbeitet?
  • Kannst Du anderen Menschen Dein Herz ausschütten oder trauerst Du für Dich alleine?
  • Wie ist Dein gesundheitlicher Zustand? Erschwert dieser eine Folgeschwangerschaft? Erhöht er die Sorge des Mannes?
  • Wie geht Dein Partner mit der Trauer um? Wie reagieren Menschen aus Deiner Umgebung auf Dich und Deinen Verlust?
  • Welche Weltanschauung hast Du verinnerlicht? Bist Du gläubig oder spirituell?

Je nachdem wie sich Deine und Eure Trauersituation gestaltet, kann es dazu führen, dass ihr Euch bei der Entscheidung des "Ob" und "Wann" Eures Folgewunders uneinig seid. Es kann auch passieren, dass es einem von Euch schwer fällt den anderen in seiner Art zu trauern anzunehmen. Das sind die schwierigen Momente für Eure Beziehung, die darüber entscheiden, ob ihr in eine Krise geratet oder noch mehr zusammenwachst.

 

 

 

Schau nach Innen und hör in Dich hinein:

Wann ist Dein und Euer richtiger Zeitpunkt, um ein Folgewunder zu planen?

 

 

 

An welchem Punkt Deiner Trauer stehst Du also? Wo befindet sich Dein Partner? Wie gestaltet sich dadurch Eure Beziehung?

 

  • Wenn Du unbedingt sofort wieder loslegen möchtest: Kannst Du ausschließen, dass Du das Geschehene einfach nur verdrängen möchtest und schnell da weiter machen willst, wo es aufgehört hat, damit alles so scheint als wäre es nicht geschehen?
  • Wenn Du es nie mehr versuchen möchtest: Kannst Du sicher sagen, dass Du den Verlust Deines Sternenkindes betrauert und verarbeitet hast? Kannst Du ausschließen, dass Du inmitten eines Traumas steckst,  aus welchem Du alleine nicht herauskommst? Hast Du das Gefühl diese Entscheidung von Herzen getroffen zu haben, oder bist Du seit diesem Schreckenstag im lähmenden Sumpf der Angst gefangen und somit taub auf dem Ohr des Herzens?
  • Hast Du Dir Deinen Weg der Trauer zugestanden und lebst sowohl Deine männliche als auch Deine weibliche Seite?
  • Bist Du Dir sicher, dass Du Deine Trauer nicht unterdrückst, und Dich dem Wunsch Deiner/Deines Partnerin/Partners fügst?
  • Könnt ihr Euch gegenseitig in Eurer Art der Trauer annehmen und füreinander da sein?

 

 

 

Ein paar Worte zur Angst

 

 

 

Die Intensität Deiner Angst ist ein Indikator dafür, wie weit Du in Deinem Trauerprozess vorangekommen bist. Je vollständiger und intensiver Du ihn durchlebt hast, desto mehr Stärke und Vertrauen wird Dir daraus zugeflossen sein!  Doch so oder so wird die Angst von nun an Dein ständiger Begleiter sein. Diese traumatische Erfahrung hat Dich geprägt und Dein Leben von Grund auf verändert. Im "weniger schlimmen" Fall wird sie Dich "einfach nur" durch die gesamte Folgeschwangerschaft begleiten und Dich ständig auf der Hut sein lassen. Im "schlimmsten" Fall wird sie Dir ausreden, jemals wieder Schwanger zu werden.

 

Ganz allgemein: Angst ist ein Gefühl welches hervorgerufen wird, sobald Gefahr droht. Sie ist ein evolutionsbiologisch äußerst sinnvoller Teil Deines Lebens. Man könnte sie als Alarmsystem Deines Verstandes bezeichnen, welches losbrüllt, sobald es ein Unheil wittert. Sie ist also nicht Dein Feind, der Dir das Leben schwer machen will. Sie ist Dein Freund, der Dir einen Freundschaftsdienst erweist! Dieser Freund wohnt im Verstand und bewegt sich dort nach dessen Richtlinien. Diese sind (1) das nach Routinen gestrebt werden muss, (2) dass bisher gefällte Überzeugungen immer wieder bestätigt werden müssen und (3) dass ein Dementieren von Überzeugungen zu Abwehr führt. Und überall wo Abwehr ist, kommt die Angst zum Vorschein! Sie ist immer dann präsent, wenn du unbekannte, neue Wege betrittst.

 

Als Du Dein Baby im Bauch verloren hast, ist alles was Du an Routine und vieles was Du an Überzeugungen angesammelt hast, mit verloren gegangen. Das rief sofort die Angst auf den Schirm. Seitdem ist sie Dein Begleiter. Sie versucht Dir den Halt zu geben, den Du in einer plötzlich halt- und bodenlos gewordenen Welt brauchst. Während die Angst Dich hält, schafft der Verstand Stück für Stück eine neue Routine. Je nachdem von welchen Besonderheiten Deine individuelle Trauersituation geprägt ist, kannst Du mehr oder weniger von der Angst eingenommen sein. Und je mehr sie Teil Deines Lebens wird, umso schwieriger wird es sein, sie wieder durch das Vertrauen abzulösen. Denn Dein Verstand hat nun eine neue, sicherheitsgebende Routine gefunden, die voll und ganz auf die Anwesenheit der Angst angewiesen ist. Sobald Du Dich NICHT an diese neue Routine hältst, und bspw. daran denkst ein Folgewunder zu planen, tritt wieder Abwehr in Kraft und Dein Verstand ruft Dir all die schlimmen Sachen ins Bewusstsein die passieren können.

 

Auch wenn dieser natürlich gewollte Dienst Deines Verstandes im ersten Moment sinnvoll erscheint, so läuft die Angst als "Gefahrenmelder" oft selbst der Gefahr, Dich von Handlungen abzubringen, die eigentlich viel besser für Dich, Deine Partnerschaft und Dein Folgewunder wären. Sie macht es Dir schwer, auf Dein Herz zu hören, und noch viel schwerer, Deinem Herz zu folgen. Dennoch wirst Du es immer wieder tun, bspw. wenn Du trotz der Angst alles unternimmst um wieder schwanger zu werden. Immer dann, wenn Du es schaffst auf Dein Herz zu hören, erlebst Du kurze Momente des Vertrauens. Dieses Vertrauen wieder Stück für Stück in Dein Leben zurück zu integrieren und zu Deiner (alten) neuen Routine werden zu lassen wird von nun an wichtiger Teil Deines Lebens werden!

 

 

 

 

 Wieder schwanger werden

 

 

 

Du und Dein Partner seid zu dem Entschluss gekommen, ein Folgewunder planen zu wollen. Ihr fühlt Euch seelisch dazu bereit, Euch in Eurer Liebe für ein neues Baby zu öffnen. Ihr seid Euch bewusst, dass dieses Baby kein Ersatz für Euer verstorbenes Sternenkind werden soll, sondern Euer erhofftes Erdenkind mit eigener Identität, mit eigenem Namen und mit eigenem Platz in Eurer Familie. Ihr fühlt Euch soweit "erholt", dass Ihr genug Kraft für eine weitere Schwangerschaft, Geburt und - wenn es sein muss - für einen weiteren Verlust habt. Alles andere würde eine seelische Frühgeburt bedeuten, bei der weder Euer Urvertrauen in die natürlichen Prozesse noch genug Lebenskraft gewachsen ist. Ihr solltet Eure Trauer und Euern Schmerz so intensiv und vollständig verarbeitet haben, dass Euer Sternenkind einen festen Platz in Euerm Leben hat. Diese Erfahrung gehört der Vergangenheit an. Ihr fühlt Euch stark genug um in die Zukunft zu blicken und Euch dort als glückliche, erweiterte Familie zu sehen.

 

 

 

Wieder schwanger sein

 

 

Wenn Du wieder schwanger bist und ihr ein neues Wunder erwartet, werdet ihr immer wieder damit konfrontiert werden, Eure Ängste zu überwinden und ins Vertrauen zu kommen. Vor allem Du als werdende Mutter. Für Deinen Verstand ist die Schwangerschaft ab sofort eine sehr gefährliche Sache, die sehr viel Leid und Schmerz zufügen kann. Lässt Du Dich darauf ein und nimmst die Angst als richtig und gegeben an, verleitet sich Dich zu Dingen wie:

  • Dich Deinem Baby gegenüber emotional zurückhalten, um nicht wieder das Gleiche zu erleben
  • bei jedem ziepen und drücken im Bauch in Panik zu verfallen
  • eine Schwangerschaft als einen Prozess anzusehen, der medizinisch überwacht gehört und unter strengen Sicherheitsmaßnahmen ausgeführt werden muss
  • Deinem Bauchgefühl und Körpergefühl zu misstrauen

Die Sache ist die: Wenn Du Dich in Deiner Bindung zu Deinem Baby im Bauch zurückhältst, erspart es Dir in der Regel keinen Schmerz. Vielleicht wirst Du Dir sogar Vorwürfe machen, dass Du es nicht richtig kennengelernt hast. Auch ist es so, dass eine Schwangerschaft ein natürlicher Prozess ist, für den wir Frauen geschaffen sind und wofür wir den perfekten Körper haben. Wenn wir ansonsten gesund sind, ändert unser Verlust oder auch unsere Verluste nichts an dieser Tatsache. Und auch wenn Du stündlich kontrollieren würdest, ob es Deinem Baby im Bauch gut geht, so könnte es in der nächsten Minute wieder anders aussehen. Der Glaube, eine Schwangerschaft kontrollieren zu können, ist eine Illusion von Macht, die es in Wirklichkeit nicht gibt.

 

Wenn Du auf die Signale Deines Körpers hörst, sagt er Dir was gut für Dich ist und worüber Du Dich sorgen solltest. Dein Bauchgefühl unterstützt ihn dabei. Gemeinsam helfen sie Dir Deinen eigenen Weg und Rhythmus zu finden. Deine Ängste solltest Du nicht zum Anlass nehmen, um nur noch auf Eierschalen zu laufen und jeden Schritt Deiner Schwangerschaft zu überwachen. Nimm sie an, hör Dir ihre Sorgen an und erzähle ihr Deine Wünsche, Deine "guten" Gefühle und wie es für Dich ist, in Angst und Schrecken zu leben. Vereinbart einen Kompromiss, bei dem Du Dich mit Deinem Bauch- und Körpergefühl wohlfühlst, und bei dem Dein Verstand soweit beruhigt ist, dass er nicht ständig die Angst losschicken muss um Alarm zu schlagen.

 

 

 

Mein Weg zum Folgewunder

 

 

 

Ich bin heute zweifache Sternenmama und halte zwei Kinder an der Hand. Meine erste Schwangerschaft endete in der 22. SSW und meine zweite Schwangerschaft, mit dem erhofften Folgewunder, in der 9. SSW. Meinen ersten Verlust wollte ich lange nicht wahrhaben. Ich wollte am liebsten sofort losstarten und wieder schwanger werden...so, als ob nichts geschehen wäre. Doch es sollte anders kommen. Mein Körper und meine Psyche brauchten Zeit um zu heilen. Was folgte, war ein sehr langer und schmerzvoller Trauerprozess. Ich habe lange gebraucht, um den Verlust meines Wunschkindes zu verarbeiten. Erst ließ es zwei Jahre auf sich warten, und dann verließ es mich einfach mitten in der Schwangerschaft...ich wollte und konnte dass alles nicht begreifen. Über meinen Trauerprozess berichte ich hier ausführlich.

 

Unser unterschiedlicher Umgang mit der Trauer und dem Wunsch nach einem Folgewunder

Mein Mann sagte mir mal, dass für ihn nach der Totgeburt unserer Tochter erstmal klar war, dass er die Sache mit dem Kinderbekommen nicht mehr wollte. Er fand es schrecklich mich so leiden zu sehen, er hatte Angst um mich und er wollte mich so nie wieder erleben. Als ich ihm aber sagte, dass ich sofort weiter machen möchte, holte er mich dort ab und ging den Weg mit mir weiter, auch wenn seine Angst und Sorge blieb. Ihm war nur wichtig, dass ich körperlich wieder so fit bin, dass ich genug Kraft für mich UND für das Baby haben würde. Ab sofort war ihm mein Wohlergehen wichtiger als die Schwangerschaft und der Kinderwunsch. Er achtete sehr auf mich und war mir in dieser Zeit eine große Stütze. Ja, er hatte diese andere Art zu trauern, von der man denkt, es sei ihm alles gleichgültig. Sein Redebedürfnis war gleich Null. Er war eher der Verschwiegene, der alles mit sich selbst ausmachte. Und er machte so weiter wie bisher. Doch das störte mich nicht. Ich konnte seine Art der Trauer annehmen. Er war immer für mich da, hat sich immer und immer wieder die gleichen Geschichten von mir angehört, hat sich tausend Mal der Frage ausgesetzt, ober er nicht langsam von mir genervt sei und sie jedes Mal liebevoll verneint. Er kümmerte sich um unser Leben "da draußen", während ich mich um unser Leben "in uns drinnen" kümmerte. Und ich weiß, dass auch er trauerte. Er trauerte doppelt, weil es für ihn zusätzlich sehr schlimm war mich so leiden zu sehen. Wir sind in dieser Zeit sehr zusammengewachsen. Heute weiß ich, dass ihm meine Art zu trauern dabei geholfen hat, auch seine Trauer zu verarbeiten.

 

Unser Folgewunder wurde wieder ein Sternenkind

Im Endeffekt wurde ich erst ein Jahr später wieder schwanger. Ich war sehr aufgeregt und hatte große Angst. Ich erzählte niemandem davon, nur mein Mann und ich wussten Bescheid. Ich traute mich kaum eine Beziehung zu dem kleinen Leben in mir aufzubauen, da ich Angst hatte es wieder zu verlieren. Ich dachte, ich könnte mich vor dem Schmerz und Leid schützen, wenn ich alles versuchen würde, um keine Bindung zu spüren. Doch es ging gar nicht. Das was da im Körper einer Frau an Veränderung passiert kann man nicht verleugnen. Was ich auch versuchte an Verbindung nicht zuzulassen, in Momenten der Ruhe passierte es dennoch. Und dann kam es tatsächlich so wie ich es befürchtete: ich wurde ein zweites Mal Sternenmama. Wieder zerbrach eine Welt für mich. Ich verlor jegliches Vertrauen in mich und meinen Körper.

 

Wir gaben nicht auf und machten weiter

Dieses Mal holte ich mir Hilfe. Dieser zweite Verlust ließ in mir das Gefühl noch stärker werden, unfähig zu sein ein Kind auszutragen und zu gebären. Bevor ich es weiter versuchen wollte, musste ich für mich klären, warum Kinderseelen zwar in meinen Körper einziehen, es dann aber doch nicht bis zum Schluss bei mir aushalten. Dank einer Therapeutin fand ich darauf eine Antwort und machte mich mit meinem Mann direkt wieder daran unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Für mich war klar, ich mache so lange weiter, bis ich irgendwann ein gesundes Baby im Arm halten darf. Vier Monate nach meinem zweiten Verlust wurde ich ein drittes Mal schwanger. Diese Schwangerschaft sollte mit einem Folgewunder enden.

 

Angst vs. Vertrauen in der Schwangerschaft

Die Angst war während der Schwangerschaft mein ständiger Begleiter. Immer wieder übertönte sie mein Vertrauen. Doch da ich ein sehr meditativer und intuitiver Mensch bin, hatte ich ein paar Asse im Ärmel. Ich baute mir meine "Inseln des Vertrauens",, um so viele angstfreie Momente wie möglich zu erleben. Dieses Mal begrüßte ich das Leben in meinem Bauch direkt nach dem positiven Schwangerschaftstest und baute sofort eine Verbindung auf. Ich hielt diese Bindung aufrecht, indem ich mich so oft wie möglich mit meinem Baby verbunden und meditiert habe. Die Meditation "von Herz zu Herz" gab mir sehr viel Kraft, da ich mit ihr den Herzschlag meines Babys wahrnehmen konnte. Dennoch brauchte ich mindestens alle drei Wochen einen Ultraschall, da ich mir sonst zu große Sorgen um mein Baby machte. Die Angst verfolgte mich bis zur Geburt und bis zu dem Moment, als ich mein lang ersehntes Erdenkind im Arm halten durfte. Bis zum letzten Augenblick rechnete ich damit, dass mir mein Körper doch noch einen Strich durch die Rechnung macht. Doch ich muss sagen, mein Körper hat das echt richtig gut hinbekommen. Niemals hätte ich gedacht, dass eine Geburt so einfach von statten gehen kann, wenn man einfach nur den Lauf der Natur machen lässt. Ich war mit meinem Körper versöhnt.

 

Noch ein Folgewunder

Einige Jahre später folgte unser zweites Folgewunder. Die Angst wurde mittlerweile zu meinem Freund und das Vertrauen zu meinem Begleiter Nr. 1. Ich brauchte nur die nötigen drei Ultraschalls, ansonsten vertraute ich komplett meinem Körper, meinem Bauchgefühl und meiner Verbindung zu meinem Baby. Ich plante sogar eine Hausgeburt und empfing mein zweites Erdenkind in den eigenen vier Wänden. Diese Erfahrung des totalen Vertrauens in mich und meinen Körper ist für mich bis heute sehr prägend und heilsam.

 

 

 

Meine Wünsche für Dich und Euch

 

 

 

Ich wünsche Dir und Deinem Partner von Herzen, dass Ihr Euch in Eurer Art zu trauern annehmen könnt, Euch gegenseitig eine Stütze seid und zusammen an Eurem Verlust wachst! Ganz egal wie Eure Entscheidung nach dem "Ob" und "Wann" eines Folgewunders ausfällt, wichtig ist nur, dass ihr diese Entscheidung gemeinsam fällt und sich niemand einfach nur dem anderen fügt. Besprecht all Eure Ängste und Sorgen. Haltet Eure Fragen und Gedanken nicht zurück, so absurd sie für Dich auch erscheinen mögen. Seid ehrlich und authentisch miteinander. Egal was die Zukunft Dir und Euch auch bringen mag, ich hoffe dass ihr damit Euern Frieden schließen könnt. Wenn Ihr Euch auf den Weg zu einem neuen Wunder begebt, wünsche ich Euch viele Inseln des Vertrauens, die Euch Momente der Angstfreiheit schenken. Und natürlich wünsche ich Euch, dass Ihr bald Euer geliebtes Erdenkind im Arm halten dürft!

 

 

 

Alles Liebe

 

Eure Renate

 

 

 

Quellennachweis:

  • Lothrop, Hannah: Gute Hoffnung - jähes Ende: Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern; Kösel-Verlag, 15. aktualisierte Auflage 2010, München

 

Bildquelle: „Sad man hugging girlfriend feeling negative and unhappy" #139700931 © fabianaponzi - Fotolia.com