Zur Sternenmutter geboren: 6 Gründe für unser Muttersein

Eigentlich schreibe ich gerade an einem anderen Artikel. Aber ich musste ihn jetzt erst mal beiseitelegen, da mich momentan etwas ganz anderes nicht loslässt. Auf dem motherbirthblog bin ich über folgendes Zitat gestolpert:

 

 

"Geboren wird nicht nur das Kind durch die Mutter, sondern auch die Mutter durch das Kind"

(Gertrud von le fort)

 

 

Ich liebe dieses Zitat schon lange. Jetzt wurde es mir wieder präsent. Und ich denke: Verdammt nochmal, und auch eine Sternenmutter wird durch ihr Sternenkind geboren! Das was ich erlebt habe, und das was ich von vielen anderen Sternenmamas höre und lese bestätigen mir, dass die Erfahrung ein Sternenkind geboren zu haben DEFINITIV auch in uns etwas verändert und eine Entwicklung ins Rollen bringt. Zudem lieben wir unser Sternenkind genauso, wie jede Mutter ihr Kind liebt. Natürlich ist unser Mutter werden anders. Bei uns bilden Geburt und Tod ein Paar und nicht Geburt und Leben. Wir gebären und trauern, während Mütter von Erdenkindern gebären und glücklich sind. Und trotzdem, oder gerade deswegen, werden auch wir zur Mutter!

 

 

 

Zur Sternenmutter geboren

 

 

 

Durch unser Sternenkind zur Mutter geboren zu werden, ist vor allen Dingen traurig. Es ist schmerzerfüllt. Es ist ein Prozess voller bösem Erwachen und Konfrontationen. Wir müssen durch einen tiefen Sumpf aus Angst und Leid. Wir sehen uns den Abgründen unserer Seele gegenüberstehen und entscheiden unbewusst ob wir hinsehen wollen oder unser inneres Auge dafür verschließen...verdrängen...abwehren. Den Prozess, den wir als Sternenmutter durchlaufen, ist sehr, sehr schwer, denn wir wurden nicht mit Leben beschenkt. Unser Arm bleibt leer. Am Ende dieses Prozesses sind wir ein anderer Mensch. Ein neuer Mensch. Eine Frau, die zur Sternenmama wurde.

 

Ich zeige Dir hier, warum nicht nur die Geburt von Erdenkindern, sondern auch die Geburt von Sternenkindern Mütter aus uns machen. Als gleichwertige Mütter durchlaufen wir die gleichen Schritte, erleben aber einen anderen Prozess. Dies ist der Tatsache gezollt, das wir unser Baby direkt nach der Geburt wieder verlieren.

 

 

 

6 Gründe, warum auch Sternenkinder eine Mutter aus uns machen

 

 

1.) Sternenkinder und Erdenkinder kündigen sich auf die gleiche Weise an

Es sind die verfrühten Wehen oder das Ultraschallbild, welche die Geburt unseres Sternenkindes ankündigen. Bei der Geburt eines Erdenkindes ist es ähnlich. Entweder entscheiden die Wehen oder äußere Umstände über eine natürliche Geburt, geplante OP oder andere Wege der Geburtseinleitung. Der Weg ist erstmal der gleiche und kündigt unser Mutter werden an. Nur das wir leider ein totes Kind erwarten. Meist beginnt unsere Reise mit den Worten: "Tut mir leid, doch es ist kein Herzschlag zu sehen". Worte, die unser Leben für immer verändern. Wir fallen in ein ganz tiefes Loch und sehen null Lebenssinn mehr. Unser Weltbild bricht zusammen. Alles bisher Geglaubte und Gewusste verliert an Gültigkeit. Ein Stück unseres Selbst geht mit unserem Sternenkind verloren. Alles an Vertrauen in unseren Körper und unser Bauchgefühl ist futsch - wir haben doch so deutlich gefühlt dass es unserem Baby im Bauch gut geht. Fragen wie "Warum musste es ausgerechnet mich treffen?", "Hat mein Gefühl mich so sehr getäuscht?", "Was stimmt nicht mit meinem Körper, dass er es nicht schafft ein Baby auszutragen?" und "Was habe ich falsch gemacht?" kreisen uns im Kopf herum. In diesen Sekunden beginnt unsere Geburt zur Sternenmutter.

 

 

2.) Sternenkinder und Erdenkinder werden von uns geboren

Während die Mutter eines Erdenkindes ihr geborenes, lebendes Kind nach der Geburt im Arm hält und vor Glückseligkeit aufgeht, haben wir im "besten" Fall ein bereits ins Himmelreich gezogenes Baby im Arm, wenn wir es still gebären durften. Oft bleibt uns selbst das vergönnt, bspw. nach einer Ausschabung. Der Geburtsprozess erscheint uns, als wären wir im falschen Film gelandet. Wir wissen genau, dass wir all diese Torturen die eine Geburt mit sich bringt durchstehen müssen, um am Ende doch ohne Kind dazustehen. Es ist einfach nur bizarr. Egal in welchem Stadium der Schwangerschaft dieses grauenvolle Ende kommt, die Liebe die wir für unser Sternenkind empfinden ist die Gleiche! Die vorgeburtliche Bindung und Beziehung ist die Gleiche! Es macht nur geringen unterschied wann wir unser Kind verlieren. Bei uns allen war unser Körper auf "Schwanger und baldiges Kind gebären" eingestellt. Es tut an jedem Zeitpunkt weh!

 

 

3.) Die Aufgaben der ersten Zeit nach der Geburt gestalten sich ähnlich

Die frisch gebackene Mutter eines Erdenkindes realisiert oft erst jetzt, was es wirklich heißt Mutter zu werden. Uns geht es ganz ähnlich. Auch wir realisieren ganz langsam, das wir Sternenmutter geworden sind und was es heißt, eine solche zu sein. Wir haben so ziemlich die Gleichen Aufgaben in der ersten Zeit nach der Geburt zu bewältigen. Nur das wir alleine sind. Während bei Müttern eines Erdenkindes ein Platz ausgefüllt wird, so wird bei uns ein Loch hinterlassen...auch wenn unser Sternenkind ewig in unserem Herzen wohnt.

 

Das Mutter werden bedeutet sowohl für Mütter eines Erdenkindes als auch für Mütter eines Sternenkindes folgendes:

  • Es ist ein unumkehrbarer Biographiewandel
  • Unser Selbstbild ändert sich dadurch
  • Unsere Partnerschaft verändert sich dadurch
  • Eine nie dagewesene, neue Lebensaufgabe und Verantwortung lastet von nun an auf unseren Schultern
  • Alle vorher ausgemalten Phantasien und Wünsche treffen auf die Wirklichkeit, die jetzt ganz anders aussieht
  • Alles ist anders als gedacht und vorhergesehen
  • Die Erwartungen der Familie und der Gesellschaft kommen als zusätzliches Gewicht auf unsere Schultern hinzu: bei Sternenmüttern ist es vor allem ihr empathisches Unvermögen auf uns zu reagieren, bei Müttern von Erdenkindern sind es vor allem all die Normen und Wertvorstellungen "wie man es zu machen hat"
  • Angst  macht sich breit: während Mütter von Erdenkindern vor allen Dingen Angst davor haben eine schlechte Mutter zu sein, alles falsch zu machen und dem Kind die Zukunft zu verderben, so belastet eine Sternenmutter vor allem die Angst etwas falsch gemacht zu haben und Schuld am Geschehenen zu sein
  • Unser Frausein kommt ins Wanken: Sternenmütter stellen es komplett in Frage, während Mütter von Erdenkindern ein neues Bild von Frausein entwickeln, gerade dann wenn die Geburt traumatisch war und körperliche oder psychische Wunden entstanden sin

Erdenmütter und Sternenmütter nehmen sich NICHTS an den zu bewältigenden Aufgaben! Jedoch kommt für uns erschwerend hinzu, dass die Gesellschaft unseren Verlust abwertet. Eine Fehl- und Todgeburt ist leider mit einem Tabu belegt. Dadurch, dass meistens nur wir unser Baby kennen und sonst niemand, wird es oft nicht als wirklich angesehen...und wir nicht als Sternenmutter anerkannt.

 

 

4.) Wir alle nehmen Abschied und trauern

Ja, auch als Mutter eines Erdenkindes kommt man ins Trauern. Manchmal sogar so heftig, dass sie in eine Wochenbett-Depression geraten. Es ist ein Abschied vom alten Leben, eine Enttäuschung von allen gehegten Erwartungen und eine Überforderung durch all die Pflichten die über einen hereinbrechen.

 

Ich weiß, viele von uns Sternenmamas würden liebend gerne gegen diese "Luxus"-Trauer tauschen...trauern mit lebendigem Baby im Arm. Wir trauern leider um was ganz anderes. Unser Baby ist tot. Wir hätten furchtbar gerne unser altes Leben hinter uns gelassen. So weiter zu machen wie bisher erinnert uns täglich an unseren Verlust und schmerzt immer wieder aufs Neue...es zermürbt uns. Auch wir trauern um die nicht erfüllten Erwartungen. Andere Pflichten und Aufgaben brechen auf uns hinein. In dieser ersten schlimmen Zeit fragen wir uns vor allem, wie wir das alles überleben und verarbeiten sollen. Wenn Du Dich gerade an diesem Punkt befindest habe ich Dir hier eine Sofort-Hilfe zusammengestellt, zusammen mit meiner Geschichte.

Die Intensität und die Länge Deiner Trauer wird vor allem durch die Tiefe der Bindung und Beziehung zu Deinem Baby im Bauch bestimmt, sowie durch evtl. vorangegangene unverarbeitete Trauer, Deiner Persönlichkeit und Deinen individuellen Ressourcen. Es spielen da sehr viele Faktoren zusammen. Wir durchlaufen mehrere Phasen der Trauer. Die erste Phase beginnt direkt nach unserem Verlust mit dem verharren in einem Schock und dem Gefühl betäubt zu sein. In dieser Zeit funktionieren wir nur. Dieser Zustand kann Stunden, Tage oder Wochen andauern. Danach beginnt die Zeit des Schmerzes, der Traurigkeit, der Wut, der Schuldgefühle, der Versagensgefühle, der Einsamkeit, und viele weitere chaotische Gefühle. Wir sehnen uns nach dem was hätte sein können und suchen nach dem Warum. Diese Phase dauert ca. ein halbes Jahr. Klingen diese Gefühle allmählich ab, holt uns die Realität endgültig ein. Bis zum ersten Todestag unseres Sternenkindes erstreckt sich eine Phase der Desorientierung, in der alles bisher Dagewesene in Frage gestellt wird. Wir suchen nach einem neuen Lebenssinn, den wir dann schließlich in der Letzen Trauerphase finden.

 

 

 

5.) Nach der Geburt findet bei uns allen die Rückbildung und das Wochenbett statt

Das habe ich als besonders heftig empfunden. Kein Baby im Arm, aber dennoch einen Körper zu haben, der all das durchmacht, was eine gerade gewordene Mutter eben durchmacht: Der Bauch und die Gebärmutter bilden sich zurück, die Nachwehen schmerzen, der Wochenfluss ist genauso vorhanden, diese prallen Brüste die bereit sind zum Stillen - deren Milchfluss aber gestoppt werden muss...unglaublich schmerzhaft!

 

 

6.) Das erste Jahr nach der Geburt bringt bei allen Müttern Verwandlung mit sich

Die meisten Mütter eines Erdenkindes wachsen im ersten Lebensjahr ihrer Kinder in ihre Mutterrolle hinein...die einen früher, die anderen später. Sie können langsam wahrhaben und annehmen, dass sie nicht mehr alleine sind, dass sie neben dem Frausein auch Mutter sind, dass die Partnerschaft nun um die Elternschaft ergänzt wurde, man hat die erste Schicht eines dicken Fells angelegt für all die Kommentare der Familie und Gesellschaft darüber "was sie alles falsch machen" und sie werden langsam sicher auf ihrem Weg.

 

Als Sternenmutter ist es wieder sehr ähnlich, nur eben an diesem einen entscheidenden Punkt anders: unser Kind weilt nicht an unserer Seite sondern ist nur in unserem Herzen bei uns. Wir können es nicht aufwachsen sehen und ihm keine Mutter hier auf Erden sein. Wir lernen die Wirklichkeit unseres Verlustes langsam zu begreifen. Ganz langsam können wir wahrhaben, dass unser Sternenkind einzigartig war und niemals durch ein weiteres Kind ersetzt werden kann. Wir wissen, dass unser Sternenkind in Ewigkeit seine eigene Identität und seinen eigenen Platz in unserer Familie hat. Wir können langsam annehmen, was geschehen ist und nach vorne blicken...uns ein Leben ohne dieses Kind vorstellen. Wir schaffen es der Erfahrung einen Sinn zu geben und werden frei für ein anderes, neues Leben. Auch wir mussten uns ein dickes Fell gegen all die Kommentare unserer Umwelt anlegen, die von "Es war nur ein Zellhaufen" bis "Es sollte so sein" reichen. Oft wird dieses erste Jahr von einem erneuten Kinderwunsch begleitet. Es wird fleißig an einem Folgewunder gebastelt. Parallel dazu durchlaufen wir die Phasen unseres individuellen Trauerprozesses.  Je vollständiger und intensiver wir ihn durchlebt haben, desto mehr Stärke und Vertrauen wird uns daraus zufließen! 

 

 

 

 

 

Lass Dir nichts anderes einreden

 

 

 

Auch wenn Dein Baby bereits in Deinem Bauch gestorben ist, auch wenn es in den ersten Wochen passiert ist und vor allen Dingen wenn es ziemlich am Ende oder sogar um den Geburtstermin geschehen ist: DU BIST DIE MUTTER DEINES STERNENKINDES! Niemand hat das Recht Dir Dein Muttersein abzusprechen! Dein Sternenkind hat Dich zur Sternenmutter gemacht. Deshalb möchte ich diesen Artikel mit folgenden Worten beenden:

 

 

Geboren wird nicht nur das Sternenkind durch die Mutter,

sondern auch die Mutter durch das Sternenkind.

 

 

 

Alles Liebe

 

Eure Renate

 

Bildquelle: „The silhouette of a lonely girl sitting on a bench watching the sunset " #161687974 © kall1st0 - Fotolia.com