"Wann hört der Schmerz endlich auf?" - Die große Kraft der Trauer

Über Trauer mag keiner so richtig reden. Gerne wird sie stillgeschwiegen. Und meist trifft sie auf Unverständnis. Dabei ist sie ein ganz natürliches Gefühl. Sie ist ein Teil des Ganzen und kommt aus der gleichen Quelle in unserem Inneren, wie jedes andere positive oder negative Gefühl auch. Lassen wir sie nicht raus, so verstopft diese Quelle, und wir schneiden uns von all unseren anderen Gefühlen ab. Wir können dann nicht nur keine Trauer, sondern auch keine Freude mehr am Leben empfinden. Und nicht nur das! Irgendwann platzt das Ventil und unsere Gefühle überrennen uns mit voller Wucht, denn sie finden IMMER ihren Ausdruck. Im schlimmsten Fall auf körperlicher Ebene.

 

 

 

 

Wenn wir jemanden verlieren, den wir sehr liebten

 

 

 

 

Ich kann mich noch sehr gut an den Verlust meines Opas erinnern, obwohl ich damals erst 5 Jahre alt war. Ich weiß noch den Moment des Schocks, als es passiert ist. Ich weiß noch, wie er die Tage bis zur Beerdigung in seinem Ehebett lag. Ganz friedlich, so als ob er schläft. Ich erinnere mich noch an die Beerdigung. Ich weiß noch, wie sich meine Familie danach ein Jahr lang jeden Abend getroffen hat, um gemeinsam für meinen Opa zu beten. Sie haben alle ein Jahr lang schwarz getragen und eine Kerze angezündet. Um Abschied zu nehmen. Um es irgendwie fassen zu können. Um sich gegenseitig Halt zu geben. Um ihren gemeinsamen Verlust zu verarbeiten. Um zu trauern.

 

Das machte man so. Es war ganz selbstverständlich, denn wir hatten zugleich Ehemann, Vater und Opa verloren. Da ist man traurig. Da trauert man. Da darf man trauern.

 

 

 

Vom Trauern dürfen

 

 

 

 

Viele Jahre später - als erwachsene Frau mit Kinderwunsch - sollte ich eine ganz andere Erfahrung mit dem Verlust eines geliebten Menschen machen. Meine Tochter ist in der 22. Schwangerschaftswoche von uns gegangen. Sie wurde zu einem Sternenkind. Niemand - außer mir - kannte sie bis zu diesem Zeitpunkt, denn sie lebte nur in meinem Bauch. Als sie noch lebte rief ich manchmal meinen Mann, wenn sie in mir ihre Purzelbäume schlug, damit auch er ihre Bewegungen spürte. Manchmal legte er seinen Kopf auf meinen Bauch, um seinem Kind nah zu sein. Auch für ihn war sie real. Für uns beide war sie bereits im Bauch unser Wunschkind, das wir bald in die Arme schließen würden. Wir konnten es vor Freude kaum erwarten. Doch es sollte leider anders kommen. Wir haben unser Kind verloren. Wir sind Eltern geworden ohne jemals ein Kind im Arm halten zu dürfen. Ein Eltern sein und ein Verlust, den unsere Gesellschaft abwertet und mit einem Tabu belegt. Warum? Weil für die Menschen da draußen nicht ersichtlich war, dass hier wirklich jemand von uns gegangen war...nicht gesehen, nicht existiert?

 

Oh doch, und wie sie existierte! 

 

Auch wenn sie niemals jemand sah und niemand sie jemals in den Arm nahm. Auch wenn wir niemals ihre Stimme hören werden und niemals sehen werden wie sie groß wird. Und doch hatten wir zugleich Tochter, Nichte und Enkelin verloren. Ein Familienmitglied ist von uns gegangen und mein Mann und ich waren voller Trauer.

 

 

 

Die Trauer um unser Sternenkind

 

 


Nach dem Verlust unseres Kindes war es NICHT selbstverständlich zu trauern. Es war eher, als würde alles getan um uns zu zeigen, dass es gar nicht nötig wäre zu trauern, denn da war ja noch nichts. Als ich mein zweites Kind in der 9. SSW verlor war es noch extremer. Man sah ja nicht mal einen Bauch. Außerdem ist es bis zur 12. SSW eh ne fifty-fifty Chance. Da braucht man doch nicht traurig zu sein. *Ironie off*

 

Anstelle von Worten des Beileids bekam ich gesagt, dass ich ja noch jung sei und viele weitere Babys bekommen könne. Ich hörte, wir sollen schnell ein neues machen und alles vergessen. Ich hörte, wir sollen froh sein dass sie gestorben sei, denn sie wäre behindert gewesen. Eigentlich hörte ich nur beschwichtigende und die Daseinsberechtigung der Trauer herabwertende - und bei alle dem natürlich gut gemeinte - Trostversuche. Leere Phrasen. Es hieß ich muss es akzeptieren. Ich muss stark sein. Ich muss funktionieren. Ich solle nicht aufgeben und so weitermachen wie bisher.

 

Ich wollte und konnte aber nicht so weitermachen wie bisher. Meine Welt stand still, während sie sich da draußen einfach weiterdrehte. Alles stand Kopf. Nichts war mehr wie es vorher war. Und ich wollte nichts müssen. Ich wollte nichts sollen. Ich war einfach nur erfüllt von Schmerz, Leid und Trauer durch dieses Loch, dass in unser Leben gerissen wurde.

 

 

 

 

Auch ein Sternenkind ist ein Familienmitglied

 

 

 

 

Auch wenn Ärzte bewusst versuchen das Leben in uns so abstrakt wie möglich zu halten, auch wenn extra von einem Embryo oder einem Fetus gesprochen wird - oder bis zur 12. Schwangerschaftswoche von einer Zellansammlung - die Gefühle der werdenden Eltern bleiben dieselben und verändern sich nicht durch dieses Sprachspiel. Denn auch wir werden durch die Geburt unseres Sternenkindes zu Eltern! Und wir verlieren unser Kind. PUNKT. Wir empfinden definitiv Trauer. Dabei ist es ganz egal wann wir unser Kind verlieren! Ob zu Beginn der Schwangerschaft, mittendrin, gegen Ende oder sogar nach der Geburt. Jedes Mal verlieren wir einen Menschen den wir liebten und zu dem wir bereits eine Bindung aufgebaut hatten. Und es ist einfach nur eine Gemeinheit von Eltern eines Sternenkindes zu erwarten, ihre Trauer zurückzuhalten oder so zu tun, als gäbe es nichts zu betrauern. Doch leider ist genau das in unserer Gesellschaft gang und gäbe. So viele Sterneneltern erlauben es sich deshalb nicht zu trauern und fühlen sich mit ihren Gefühlen falsch. Sie unterdrücken und verdrängen sie. Und dadurch kann diese Wunde nie heilen.

 

 

 

 

Trauer ist ein Weg

 

 

 

 

Hannah Lothrop schreibt in ihrem Buch "Gute Hoffnung - jähes Ende", dass Trauer eine sehr starke Energie ist, welche die Kraft hat uns zu heilen oder zu zerstören. Sie ist wie eine tiefe, eitrige Wunde, die nur heilen kann wenn der Eiter abfließt und wir sie pflegen.

 

Nur wenn wir uns erlauben zu trauern, können wir heilen.

 

Trauer trifft uns wie ein Blitzschlag. Wir werden von einem Moment auf den Anderen in sie hineingeworfen. Zu Beginn dieses Weges werden wir mit einer Gefühlswucht konfrontiert, die uns völlig überfordert und überwältigt. Zum einen wegen der Intensität der Gefühle und zum anderen weil der Schmerz so lange andauert. Viele von uns fragen sich immer wieder, ob diese Reise jemals ein Ende nimmt. Niemals hätten wir mit diesem Leid gerechnet. Es kostet unheimliche Kraft und Mut, sich diesem Prozess auszusetzen und diese Gefühle auszuhalten. Trauer ist Arbeit und bringt uns oftmals an unsere Grenzen.

 

Doch nur die Trauer kann uns beim Abschied nehmen helfen. Nur sie kann uns beim Verarbeiten helfen. Nur sie hilft uns dabei, neuen Lebenssinn zu erkennen und unser Weltbild neu zu entwerfen. Wir müssen ganz tief am Boden liegen und allen Schmerz mit all seinen begleitenden Gefühlen an uns heranlassen. Sie müssen uns durchdringen und alles bisher Dagewesene in den tiefsten Wurzeln erschüttern und zerstören. Nur so können wir wieder heil werden und am Ende des Prozesses wieder liebes- und lebensfähig werden. Es ist der einzige Weg!!!

 

 

 

 

Die vier Phasen der Trauer

 

 

 

 

Jeder Mensch trauert auf seine eigene individuelle Art und Weise. Doch wir alle durchlaufen ähnliche Prozesse. Ich lese so oft die Frage: „Wann hört der Schmerz endlich auf?“. Nur die wenigsten von uns rechnen damit, dass der Weg durch die Trauer so lange anhält und von so intensiven Gefühlen begleitet wird. Über die Ordnung hinter dem Chaos Bescheid zu wissen kann helfen, besser mit der Trauer umzugehen.

 

Der Trauerprozess kann ein oder zwei Jahre dauern, manchmal sogar länger. Die Intensität und die Länge unserer Trauer wird vor allem durch die Tiefe der Bindung und Beziehung zu unserem Baby bestimmt, sowie durch evtl. vorangegangene unverarbeitete Trauer, der Persönlichkeit, der Umstände um den Todeszeitpunkt und der individuellen Ressourcen. Es spielen da sehr viele Faktoren zusammen. Jeder Mensch heilt zu seiner Zeit. Niemand sollte Erwartungen an den individuellen Trauerprozess hegen.

 

Wir durchlaufen vier Phasen der Trauer. Diese finden nicht chronologisch hintereinander statt sondern folgen einem spiralförmigen Prozess. Immer dann wenn Du denkst, Du hast eine Stufe abgeschlossen, landest Du wieder am gleichen Anfangspunkt. Doch dieses Mal ist es anders, denn Du hast Dich weiter entwickelt. Du erlebst das Gleiche, nur auf einem höheren Niveau. Es kann sogar vorkommen, dass Du alle vier Phasen gleichzeitig erlebst.

 

In diesen durchschnittlich zwei Jahren der Trauer gibt es einiges an Aufgaben zu bewältigen. Die schlimmste ist begreifen zu müssen, dass unser geliebtes Kind gestorben ist und nie mehr wieder zurückkommt. Das anzunehmen ist unglaublich schwer. Es löst Schmerz und andere starke Gefühle aus, die wir zulassen müssen und nicht unterdrücken dürfen. Ja, wir müssen uns einem Leben ohne unser Kind stellen. Auch wenn Du es Dir jetzt nicht vorstellen kannst, doch am Ende dieses Prozesses wartet auf uns ein Sinn und wir werden frei um all das anzunehmen was uns noch erwartet. Durch die Art, wie wir unser Leben nach dem Verlust unseres Kindes Leben, können wir seine kurze Existenz würdigen und ehren.

 

 

Die erste Phase

Die erste Phase beginnt direkt nach Deinem Verlust. Du verharrst in einem Schock und dem Gefühl betäubt zu sein. Du magst das alles nicht wahrhaben. Du kannst diesen Schmerz nicht auf einen Schlag verkraften und schiebst ihn weg. In dieser Zeit funktionierst Du nur, hast Schwierigkeiten Entscheidungen zu treffen und wirst immer wieder von den unterschiedlichsten Gefühlen überfallen. Dieser Zustand kann Stunden, Tage oder Wochen andauern. Du fühlst Dich, als wärst Du gefangen in einem bösen Traum. Als stündest Du neben Dir. In dieser ersten Zeit geht es darum, die Wirklichkeit des Verlustes anzunehmen.

 

 

Die zweite Phase

Klingt der Schock langsam ab, geht es Dir ähnlich wie nach einer natürlichen Betäubung bei einer OP. Nur dass es unser seelischer Schmerz ist der zutage tritt, auch wenn er sich durchaus auch körperlich zeigen kann. Es beginnt die Zeit des Schmerzes, der Traurigkeit, der Wut, der Schuldgefühle, der Versagensgefühle, der Einsamkeit, der Eifersucht und vieler weiterer chaotischer Gefühle. Die Wirklichkeit bricht über Dich herein und Du begreifst langsam was geschehen ist. Du sehnst Dich nach dem was hätte sein können und suchst nach dem Warum. Es bringt Dich der Verzweiflung nahe, dass Dir Dein geliebtes Kind entrissen wurde und lässt Dich zeitweise unkontrollierte Wut auf andere empfinden: auf den Arzt, den Partner, andere Mütter, auf Gott, auf Dich selbst. Wir verspüren absolute Hilfslosigkeit. Manchmal wünschen wir uns vorübergehend selbst Tod zu sein, um bei unserem Baby sein zu können. Diese Phase dauert ca. ein halbes Jahr. Um wieder heil zu werden ist es wichtig, all diese Gefühle zuzulassen und zu durchleben. Du empfindest sie in einer Intensität, wie nie zuvor. In dieser zweiten Phase geht es darum, für alle Gefühle einen Ausdruck zu finden und zu lernen, mit ihnen umzugehen. Der Schmerz muss raus…oder Du explodierst.

 

 

Die dritte Phase

Klingen diese Gefühle allmählich ab, holt Dich die Realität endgültig ein. Langsam beginnst Du Deinen Verlust zu begreifen. Bis zum ersten Todestag Deines Sternenkindes erstreckt sich eine Phase der Desorientierung, in der Du alles bisher Dagewesene in Frage stellst. Du verarbeitest auf ganz tiefer Ebene und suchst nach einem neuen Lebenssinn. Du bist Energielos, hast ein schlechtes Gedächtnis, verharrst in einer Art Depression und leidest evtl. an Ess- und Schlafstörungen. Du bist insgesamt anfällig für Erkrankungen und schleppst das eine oder andere unverarbeitete Gefühl mit Dir herum. Doch siehst Du in dieser zweiten Hälfte des Jahres nach Deinem Verlust langsam ein Licht im Dunkeln. Aus den Trümmern der alten Welt erwächst ein neues Leben und aus Dir wird ein neuer Mensch.

 

 

Die vierte Phase

Ungefähr im zweiten Jahr nach Deinem Verlust gelingt es Dir ganz langsam Dein Schicksal anzunehmen. Es ist die Phase der Erneuerung und Neuorientierung. Du schöpfst wieder Kraft, Lebensmut, Vertrauen, Hoffnung und Lebenssinn. Hier gelingt es Dir, hinter dieser schrecklichen Erfahrung einen Sinn zu erkennen. Erst dann kannst Du aus dem Trauerprozess gereift und gestärkt hervorgehen. Deine Lebenskräfte erwachen wieder und Dein Interesse am Leben teilzunehmen erwacht wieder. Es kehrt eine Art Normalität in unseren Alltag zurück. Unser Immunsystem stabilisiert sich, unsere Konzentration samt Denkvermögen normalisiert sich, Essen und Schlafen pendeln sich wieder ein.

 

 

 

 

Frauen und Männer trauern unterschiedlich

 

 

 

 

Ganz oft höre ich, dass Sternenmamas das Gefühl haben, ihre Partner trauern nicht um ihr verlorenes Kind. Doch meistens liegt dieser Eindruck in der unterschiedlichen Art der Trauer. Denn Sternenpapas trauern ebenso um ihr Sternenkind wie auch ihre Frauen, nur anders! Diese andere Weise der Verarbeitung des Verlustes liegt vor allem in der Natur der Dinge: als Frau waren wir an unserem Baby viel näher dran. Es war Teil unseres Körpers. Unser Körper und unsere Psyche haben sich verändert. Vielleicht haben wir unser Baby schon gespürt. Unseren Männern bleibt diese Erfahrung vorenthalten. Sie konnten an der Schwangerschaft teilhaben, die Ultraschallbilder sehen, das Herz schlagen hören und ihr Kind vielleicht über die Bauchdecke spüren. Doch kommt dies nie an die Intensivität an Bindung und Beziehung heran, die man als werdende Mutter mit seinem Baby entwickelt. Und genau von dieser Bindung zu seinem Sternenkind ist das Ausmaß des Schmerzes abhängig. Und auch die Tiefe und Länge der Trauer.

 

Besonders für Sternenpapas macht es deshalb einen großen Unterschied, ob sie ihr Sternenkind nach der Geburt gesehen und vielleicht sogar in den Arm genommen haben, oder nicht. Denn Väter bauen meist erst nach der Geburt eine intensive Bindung und Beziehung zu ihrem Kind auf. Diese kurze Zeit des Kennenlernens und des Abschieds macht für ihn den Verlust fassbarer und realer.

 

Die Trauer des Vaters ist oft vergessen und völlig unverstanden. In vielerlei Hinsicht wird es ihm schwer gemacht seine Trauer zuzulassen, ob nun von Seiten der Arbeitswelt, die ihm für diesen Verlust nicht mal einen einzigen freien Tag zugesteht, oder von Seiten des sozialen Umfeldes, die meistens vergessen auch ihn zu Fragen wie es ihm geht. Diese Frage bleibt meist nur den Sternenmamas vorbehalten. Kulturell vorgegebene Glaubenssätze wie "Männer weinen nicht" und "Männer müssen für ihre Frau stark sein", tragen ihr übriges bei. Nicht selten halten Männer deshalb ihre Trauer zurück.

 

Um gänzlich zu verstehen, warum Frauen und Männer unterschiedlich trauern, ist es gut wenn man sich mit der männlichen und weiblichen Art des Umgangs mit Schmerz und Trauer beschäftigt. Jede/r von uns trägt weibliche und männliche Anteile in sich. Der weibliche Anteil drückt Trauer und Schmerz vor allem über Sprache aus, der männliche Anteil eher über körperliche Empfindungen. Konkret heißt das nun, dass der männliche Anteil in uns seine von ihm erwartete und innewohnende Stärke mit Handlungen verbindet. Er ist der starke Fels in der Brandung, der alles tut und macht, damit es irgendwie weitergeht. Seine Handlungen verbindet er wiederum mit seinem Schmerz. Er verarbeitet den Schmerz durch sein Tun und Handeln. Dabei verliert er die Zukunft nicht aus dem Blick. Dahingegen braucht der weibliche Anteil in uns mehr als "nur" sich selbst. Er ist der schwache, zerbrechliche und zu beschützende Part. Er benötigt die Nähe Anderer als Halt und um den Schmerz zu heilen. Er zeigt seinen Schmerz durch das Reden und versucht so das Vergangene zu vollenden.

 

Da wir als Frau mehr weibliche Anteile in uns tragen und als Mann mehr männliche Anteile, ist zu erklären, warum wir eher der redsame Part sind, der immer und immer wieder das Bedürfnis hat das Gleiche zu erzählen, und unsere Männer eher der verschwiegene Part, der so weiter zu machen scheint wie bisher. Doch wir tragen beide Seiten in uns: die Weibliche und die Männliche. Und beide wollen gelebt werden. Wird eine Seite unterdrückt, weil man als Mann nicht schwach sein darf oder als Frau das Schwachsein vergisst, lebt man seine Trauer und seinen Schmerz nie ganz. Es ist ganz wichtig seine Trauer - und eben beide Seiten der Trauer - zu leben, denn nicht gelebte Trauer wirkt sich negativ auf die eigene Psyche und auf die Partnerschaft aus.

 

 

 

 

Nutze die Kraft der Trauer

 

 

 

 

Du siehst, es gibt nur einen Weg, damit der Schmerz irgendwann aufhört: Du musst mitten durch ihn hindurch. Gib Dich voll und ganz dem Trauerprozess hin. Fühl diese unerträglichen Gefühle in ihrer überwältigenden Intensität, die Dich von innen her zu zerstören scheinen. Fühl Dich am Boden und völlig kraftlos. Sei schwach. Hab nichts im Griff. Lass Dein Leben still stehen, während es dort draußen weitergeht. Alles darf drunter und drüber gehen. Nichts darf mehr einen Sinn ergeben.

 

Du musst für niemanden stark sein!

 

Du musst nicht funktionieren!

 

Du musst nicht weitermachen wie bisher!

 

Du musst vor niemandem Deine Tränen verbergen!

 

Du darfst Schwäche zeigen und schwach sein!

 

Dein Leben darf still stehen und total sinnlos erscheinen!

 

Du darfst andere mit Deiner Trauer konfrontieren!

 

Du darfst Trauern!

 

Sei authentisch. Sei Du. Verstelle Dich nicht. Nimm Dir die Zeit die Du brauchst. Tu das, was Dir gut tut. Und vor allen Dingen: Unterdrücke nicht Deine Trauer, nur weil andere meinen es wäre nicht angebracht. Wegen diesen anderen Menschen würdest Du sonst die Chance verpassen, jemals zu heilen und jemals wieder Glück zu empfinden. Nicht gelebte Trauer lässt Dich in ihr verharren. Im schlimmsten Fall wird sie chronisch und Du hast auch viele Jahre nach dem Verlust das Gefühl, dass Dein Leben ohne dieses Kind nicht lebenswert ist.

Alles Liebe

 

 

Eure Renate

 

 

Quellennachweis:

  • Lothrop, Hannah: Gute Hoffnung - jähes Ende: Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern; Kösel-Verlag, 15. aktualisierte Auflage 2010, München
  • Natschke, Michaela: Fehlgeburt - "Für die Ärzte waren es nur Zellen, für uns war es ein Kind": http://www.deutschlandfunk.de/fehlgeburten-fuer-die-aerzte-waren-es-nur-zellen-fuer-uns.2540.de.html?dram%3Aarticle_id=388274

 

Bildquelle: „Sad and upset woman deep in thought #50031686 © Johan Larson - Fotolia.com