Begleitung in den schwersten Stunden für Eltern von Sternenkindern - Interview mit der Sternenkinderbestatterin Helga Schmidtke

Es ist einfach nicht fair. Gerade noch schwelgte man auf Wolke sieben, erträumte sich sein Mutter und Vater sein, genoss die tiefe Bindung zu seinem Kind...und dann geschah das, womit man niemals rechnete, was nur anderen passiert und was man sich in seinen tiefsten Albträumen nicht vorstellen mag: das Elternglück endet noch bevor es richtig anfangen konnte, denn das Kind stirbt oder bekommt die Diagnose, dass es bald sterben muss.

 

Starre. Schock. Betäubt sein.

 

In diesen ersten Stunden des Verlustes und der tiefen Trauer wird man als Eltern von Sternenkindern einerseits mit wahnsinnig viele Entscheidungen konfrontiert und andererseits nur schlecht informiert und dadurch vor vollendete Tatsachen gestellt: Ausschabung, Einleitung, Abwarten, Abbruch, palliative Entbindung, Obduktion, Sammelbestattung, Einzelbestattung, Anzeigen der Geburt des Kindes beim Standesamt, das Kind sehen, und viele weitere scheinbar nie endende Entscheidungen um ein Kind, das man eigentlich gar nicht hergeben wollte. Ich weiß noch, wie ich selbst sehr damit überfordert war. Im Nachhinein habe ich viele falsche Entscheidungen gefällt. Teils aus Überforderung mit der Situation, die ich nicht wahrhaben wollte. Und Teils aus Uninformiertheit. Ich wusste es damals nicht besser.

 

Menschen, wie Helga Schmidtke, sind in dieser Zeit oft der rettende Anker. Sie begleitet Eltern in diesen schweren Stunden und Tagen und erschafft ihnen dadurch einen geschützten Raum, in dem sie sich voll und ganz ihrer Trauer hingeben können. Sie hilft ihnen dabei, ihren eigenen individuellen richtigen Weg zu finden, um sich von ihren Kindern zu verabschieden. Und noch mehr. Sie ist Deutschlands erste Sternenkinderbestatterin. Ich habe sie zu ihrer Arbeit befragt und möchte Euch ihre Antworten nicht vorenthalten.

 

 

 

"Liebe Helga, Du bist Deutschlands erste Bestatterin für Sternenkinder. Wie kamst Du dazu?"

 



Es war ein Weg dahin, der ehrlich gesagt mehr als 30 Jahre gedauert hat und viele unterschiedliche Stationen hatte. Ich bin jetzt 45, das heißt es ging schon wirklich sehr früh los. Für mich war das Thema Sterben und Tod schon als Kind ein sehr spannendes und ich wollte immer mit meinem Vater und meiner Großmutter auf den Friedhof gehen. Dort mussten die Beiden mir unentwegt erzählen, wer liegt dort in dem Grab und an was ist er gestorben.


Doch am meisten haben mich schon damals die Kindergräber angezogen und eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt. Auch gab es damals in unserem Ort noch eine Alte Halle und in der stand so ein ganz uralter Leichenwagen drinnen—Leichenwagend auf man heute schon gar nicht mehr sagen.

 

Und ich habe immer durch die bunten Glasscheiben bei uns auf dem Friedhof in die Trauerhalle geschaut, weil ich unbedingt wissen wollte, ob da ein Verstorbener drinnen liegt.


Du siehst also- ich hab irgendwie schon immer ein bisschen anders getickt. Deshalb war glaube ich niemand wirklich verwundert als ich mit 13 Jahren in den Sanitätsdienst beim DRK einstieg. Ja, und so begann dann auch ganz aktiv mein Weg. Rettungsdienst, Katastrophenschutz, Ausbildung zur Krankenschwester und viele viele einzelne Stationen hat es offensichtlich gebraucht. Heute habe ich einen prall gefüllten Koffer mit unterschiedlichem Werkzeug, und ich merke, das ist heute wirklich ein echter Luxus für mich. Vieles habe ich sozusagen von der Pike auf gelernt. Doch der letztendliche Impuls die Sternenkinderbestatterin zu gebären kam durch eine sehr unschöne Begegnung mit einem anderen Bestatter. Es ging um die Begleitung einer Sternenkinderfamilie und der damalige Bestatter hat einen sehr unachtsamen und grenzüberschreitenden Weg gewählt, die Eltern von ihrem Kind zu trennen. Das war für mich, als Begleiterin der Familie, damals ein Schlüsselerlebnis. Ich hatte meine Kollegin, die Sternenkinderfotografin im Auto neben mir sitzen und war fassungslos über die Dreistigkeit und Überheblichkeit dieses Menschen. Noch vom Friedhof aus habe ich damals unter Tränen meinen Mann angerufen und habe ihm erzählt was passiert ist. Mit meinen damaligen Worten  "Du musst mir ein Bestatterauto kaufen" ist letztendlich die Entscheidung gefallen und die Sternenkinderbestatterin wurde geboren.
Bis dann alle Formalitäten und alles, was man so dazu braucht unter Dach und Fach waren hat es noch ein gutes Jahr gedauert, und seitdem arbeite ich, unter anderem, in diesem Beruf.

 

 


"Die Trauer um sein Sternenkind ist mit einem großen Tabu behaftet. Mütter und Väter von Sternenkindern fühlen sich oft unverstanden, überfordert und überwältigt
von der Gefühlswucht, die auf sie einhämmert. Wie erlebst Du das in Deiner täglichen Arbeit und wie begegnest Du dem?"

 

 


Ich erlebe leider tagtäglich genau das, was du beschreibst. Sternenkinder und ihre Familien sind immer noch absolute Tabubereiche in unserer Gesellschaft. Das Umfeld erwartet sehr sehr schnell, das die Eltern wieder „normal“ werden, Arbeitgeber erwarten eine baldige Rückkehr an den Arbeitsplatz und und und……aber das geht so nicht! Trauer braucht Zeit, Ruhe, Verständnis und Achtsamkeit.


UND ES BRAUCHT AUFKLÄRUNG!


Eine Frau, die in der 6. SSW ihr Baby verliert ist eine MUTTER! Wir werden nicht erst zur Mutter wenn wir ein Baby geboren haben, sondern wir SIND Mutter, wenn wir schwanger sind. Das ist für die Gesellschaft noch sehr sehr schwer zu verstehen. Im Außen ist noch lange lange nichts sichtbar, und für die Frau hat schon lange ein neues Leben begonnen. Nämlich das Leben als Mutter. Wenn jedoch hier schon der Verlust des Babys stattfand, dann wird’s schwierig.


Man muss sich das mal so vorstellen. Das Umfeld weiß vielleicht noch gar nichts von der Schwangerschaft und soll jetzt schon trauern - das ist in der Praxis schwierig. Denn wir Menschen können nur um etwas trauern, dessen Verlust wir begriffen haben, ansonsten ist es eine imaginäre Sache.
Meine Erfahrung und mein persönlicher Umgang in meiner Arbeit mit betroffenen Familien ist…..versuchen, die Zeit anzuhalten, das heißt maximale Entschleunigung und für Ruhe sorgen. Immer wieder zu schauen, was braucht die Familie, die Worte und Botschaften zwischen den Zeilen wahrnehmen, das Familiensystem im Blick haben…….das ist eigentlich schon alles.

 



"Was würdest Du Eltern, die gerade ihr Sternenkind verloren haben, mit auf den Weg geben?"

 

 


Puh, das ist eine Frage, die ich so gar nicht beantworten kann, denn dieser Ratschlag würde beinhalten, dass ich immer genau weiß, was die Familien jetzt brauchen. Das weiß ich aber nie. Es ist vielmehr meine Aufgabe in der Begleitung - und das schon von Anfang an - die Familien genau dort hinzubringen. Das sie genau erkennen und erspüren, was sie jetzt brauchen, und wie der Weg sein kann, das sie sich das dann auch nehmen…..

 

 

 

"Und genau das macht Deine Arbeit so wunderbar! Vielen Dank, liebe Helga, für dieses Interview!"

 

 

 

Wer noch mehr über Helga und ihren alltäglichen Einsatz für Eltern von Sternenkindern erfahren möchte, kann sich auf ihre Homepage umsehen, oder auch auf der Webseite ihres Vereins "Sternenkinderzentrum Odenwald e.V."

 

Abschließend möchte ich nochmal sagen, wie wichtig es für Eltern von Sternenkindern ist zu wissen, dass man den Weg dieser schweren Stunden nach dieser furchtbaren Nachricht nicht alleine gehen muss! Lasst Euch nicht zu irgendwelchen Entscheidungen zwingen. Nehmt Euch Zeit und holt Euch Hilfe! In den seltensten Fällen sind wirklich Sofort-Entscheidungen nötig. Der Betrieb von Arztpraxis und Krankenhaus macht es oft erforderlich, aber nicht Eure eigene Situation!

 

Auch wenn ihr nach der Nachricht alles am liebsten so schnell wie möglich hinter Euch bringen wollt, so überstürzt nichts! Versucht Euch von Ärzten und Außenstehenden nicht unter Druck setzen zu lassen! Bedenkt immer: dieses kleine Wesen wird von Euch bereits schon sehr geliebt. Nehmt Euch die Zeit die ihr braucht!

 

HALTET FÜR EUCH DIE WELT AN!

 

Wenn ihr in diesem Zustand des Schocks und des Betäubt seins übereilte Entscheidungen trefft, so sind diese nicht mehr rückgängig zu machen. Eure Entscheidungen müssen für Euch ein Leben lang tragbar sein.

 

Ich verspüre große Dankbarkeit für Menschen wie Helga, die einem genau das ermöglichen und den Kampf um einen würdevollen, liebevollen und respektvollen Abschied mit seinen Kindern abnehmen!

 

 

DANKE!!!

 

 

Alles Liebe,

 

 

Eure Renate

Bildquelle: „Frau greift nach den Sternen" #114699119 © lassedesignen - Fotolia.com