"Wir sind Eltern" - Vom Elternsein verwaister Eltern

 

"Wir sind Eltern. 
Eltern eines besonderen Kindes. 
Eltern eines Sternenkindes."
(Unsere Sternenkinder Rhein Main)
 
Da schwebt über unserer Menschheit die Annahme, dass wenn ein Kind verstirbt - da kein Kind mehr ist - das da auch keine Eltern mehr sind. Nur noch Frau und Mann. Das Paar. Keine Mutter. Kein Vater. Keine Eltern. Vor allem dann, wenn das Kind verstorben ist, noch bevor es das Licht der Welt erblickt hat - noch als Embryo oder Fetus

Doch das ist nicht wahr!
 
Jedes Kind, egal wie lange es in Mutters Bauch war, egal wann und wie es diesen verlassen hat und dadurch geboren wurde, einfach jedes Kind macht uns zu Eltern!

Unsere Elternschaft beginnt nicht erst, wenn wir unser Baby im Arm halten dürfen. Sie beginnt mit der Schwangerschaft. Mit der Gewissheit, „wir erwarten ein Kind“. Es ist zunächst ein imaginäres Elternsein, welches in das reale Elternsein mündet. Dieses Elternsein hört nicht auf, wenn unser Kind während der Schwangerschaft, der Geburt oder in den ersten Lebenswochen stirbt. Auch nicht, wenn dieser süße, kleine, perfekte Körper unter der Erde liegt. Nein. Dann geht es erst richtig los.

 

Mutter- und Vatergefühle sterben nie

 
Wenn der erste Schock und das Erstarrt-Sein vorüber sind. Wenn die Trauer und der Schmerz uns überrennen. Wenn die Liebe und die Sehnsucht uns innerlich zerfressen. Wenn das Gefühl in uns hochsteigt, wir konnten unser Kind nicht beschützen. Wenn wir die Tage davor immer und immer wieder herumwälzen und uns fragen, was wir hätten anders machen können. Wenn wir das Erdenbettchen schön herrichten, zuhause eine Gedenkecke errichten, eine Geburtsurkunde beantragen und zum Stammbuch hinzufügen. Wenn wir nur das Beste für unser Kind wollen. Wenn wir innerlich mitrechnen, wie alt unser Kind jetzt wäre. Wenn wir Geburtstage und Jahrestage in Gedenken an unser Kind feiern. Wenn wir uns einfach nur wünschen, dass unser verstorbenes Kind unvergessen bleibt und Teil des Familienkreises, über den gesprochen wird, der einen festen Platz hat. Wenn es uns verletzt, dass unser Umfeld diesen Wunsch nicht teilt und alles Geschehene unter den Teppich kehren möchte. Wenn wir spüren, dass wir innerlich um etwas kämpfen, was wir nicht greifen können, was uns einsam und unverstanden fühlen lässt, was uns an uns zweifeln lässt.

Dann wissen wir, dass wir in unserer neuen Rolle angekommen sind: Der Rolle der Mutter und des Vaters.

 

 

 

Ein Elternsein, wie es nirgends im Buche steht

 
Es ist ein anderes Elternsein. Es ist ein bizarres Elternsein. Und doch ist es ein Elternsein. Eines, von welchem man selten was hört oder liest. Eines, das totgeschwiegen wird. Welches dadurch aber nicht an Realität verliert.

Zwar gibt es Bücher über die Trauer nach dem Verlust eines Kindes, wo unser Elternsein angeschnitten wird. Es gibt Bücher, die andere betroffene Eltern zu Wort kommen lassen. Die es genau so empfinden und umschreiben. In Selbsthilfegruppen und Internetforen tauschen sich Betroffene aus, und man bekommt einen ersten Eindruck davon, dass man nicht komplett falsch und verrückt in seinem Empfinden ist. Das man sich als Mutter und Vater fühlen darf. Das es richtig ist, sich so zu nennen. Richtig ist, sich so zu fühlen. Richtig ist, so zu handeln und zu reden.

 

Gesellschaftlicher Irrsinn

 
Das Elternsein verwaister Eltern ist ein großes Tabuthema, umhüllt mit individuellen und gesellschaftlichen Unsicherheiten. Insgesamt ist zu sagen, dass wir als werdende Eltern ein völlig falsches Bild vom Elternsein vermittelt bekommen: durch Medien, durch Gesellschaft, durch das Kollektiv. Es ist eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Nicht die easy Schwangerschaft, die Traumgeburt, das lebende gesunde und pflegeleichte Kind, die erfüllte entspannte Partnerschaft. Elternsein ist so viel mehr!

Und eben auch das Mutter- und Vatersein eines Sternenkindes.

Was uns mit allen anderen Eltern verbindet

 
Ob Eltern eines lebenden oder toten Kindes, erst nach der Geburt realisieren wir was es wirklich heißt Eltern zu sein. Alle Phantasien und Vorstellungen treffen jetzt auf die Wirklichkeit. Die imaginäre Elternschaft wird real. Wertvorstellung, Moralvorstellungen, Menschenbild, Glaubenssätze, Prioritäten, Beziehungen, freundschaftliches und familiäres Umfeld - all das verändert sich. Passt sich an. Gerät in Konflikt. Wir verändern uns. Bekommen das sogenannte „dicke Fell“. Mehr Rückgrat. Es ist ein unumkehrbarer Biographiewandel. Unser Selbstbild ändert sich. Unsere Partnerschaft verändert sich. Eine nie dagewesene, neue Lebensaufgabe und Verantwortung lastet von nun an auf unserem Schultern.

Es ist ein Abschied vom alten Leben, eine Enttäuschung von allen gehegten Erwartungen und eine Überforderung durch all die Pflichten die über einen hereinbrechen. Eine Überforderungen von all den Erwartungen und ungeschriebenen Gesetzen der Anderen und der Gesellschaft insgesamt. Die unserem inneren Empfinden widersprechen und dadurch Unsicherheit, Angst und Druck verursachen.

Wir alle, Eltern lebend- und totgeborener Kinder- müssen unseren eigenen, individuellen Weg als Eltern finden. Tag für Tag, Woche für
Woche, Monat für Monat, wachsen wir in unser neues Leben und in unsere neue Rolle hinein.

 

Der Alltag verwaister Eltern
 

"Wir waren auf ein neues Leben vorbereitet, nicht auf den Tod"
(Unsere Sternenkinder Rhein Main)

 
Ja, unser Traum vom Elternsein hat sich zu einem Alptraum entwickelt. Etwas, womit wir niemals gerechnet hätten, ist eingetroffen. Und jetzt sind wir mittendrinn. Es gibt keinen Weg hinaus. Es gibt nur einen Weg hindurch.

Wir müssen all das, was wir erwartet haben, worauf wir uns vorbereitet haben, was wir uns so sehr gewünscht haben und vielleicht schon jahrelang darum gekämpft haben, aufgeben. Wir müssen lernen das Unannehmbare anzunehmen. Annehmen, dass unser Kind ein Sternenkind ist, und wir es niemals aufwachsen sehen werden. Es ist nicht mehr bei uns. Und doch ist es überall wo wir sind.

Es ist wie ein falscher Film. Unsere Welt liegt in Scherben vor uns.
 
Zusätzlich zu all den Prozessen, die die Trauer um unser Kind mit sich bringt, brechen nun auch all die Prozesse, die das Elternsein mit sich bringt, auf uns hinein.

Was heißt das?

Das heißt, dass das was in der Schwangerschaft losging, jetzt weitergeht. Wie soll es anders sein? Die begonnenen Prozesse lassen sich nicht einfach zurückdrehen.

Was ist bisher passiert?

Nun, wahrscheinlich mehr als wir es bewusst erfassen können, da es hauptsächlich unbewusste Prozesse sind. Je weiter die Schwangerschaft fortgeschritten war, umso mehr hat sie bereits was mit uns gemacht. Neben dem äußerlichen Nestbau, findet ganz viel innerlicher Nestbau statt. Ganz unbewusst werden wir mit unserem Inneren konfrontiert. Mit unserer eigenen Kindheit, unserer Beziehung zu unseren Eltern. Alte Wunden werden aufgekratzt. Alte Konflikte kommen wieder hoch. Sie entladen sich. Die hormonelle Veränderung macht ihr Übriges. Schon jetzt verändert sich die Partnerschaft. Wir verändern uns.

 

Diese Uhr kann nach der Geburt unseres Sternenkindes nicht zurückgedreht werden. Sie dreht sich weiter. Und so entwickelt sich unser Elternsein weiter. In einem vorbereiteten Nest, welches nun leer bleibt. Es liegt genauso brach, wie all die Mutter- und Vaterliebe die wir zu geben haben.

Unser Elternsein wird davon bestimmt, mit dieser Leere klarzukommen. Einen Weg zu finden, unserer Liebe zu unserem Kind weiterhin Ausdruck zu verleihen. Ihr einen festen Platz zu geben. Unser Sternenkind unvergessen werden zu lassen. Unserem Traum von der Vollendung unserer Partnerschaft durch dieses Kind nicht als unvollendet zu sehen, sondern ihm einen neuen, veränderten Sinn zu geben. Die körperlichen und seelischen Wunden der Mütter zu heilen. Ein neues Frausein und neues Körpergefühl zu entwickeln. Die Väter erleben eine nie dagewesene Hilflosigkeit und Sorge. Sie haben nicht nur ihr Kind verloren, sondern müssen ihre Partnerin so dermaßen Zerstört sehen wie nie zuvor. Sie versuchen soweit es geht alles Äußerliche zusammen zu halten. Da zu sein. Die Mütter stellen inneres Gleichgewicht her, während Väter für das äußere Gleichgewicht sorgen. Dies, verbunden mit der unterschiedlichen Art zu trauern, ist eine harte Probe für beide Individuen und die Partnerschaft insgesamt.

Dann stellt sich die Frage, was tun mit dem Nest? Abbauen? Alles so lassen wie es ist für ein Folgewunder? Die Sehnsucht und die Suche nach einem Platz für all die Mutter- und Vaterliebe lassen meist sehr schnell den Wunsch nach einem weiteren Kind, einer weiteren Schwangerschaft, laut werden. Auch dies geht mit einem inneren Gefühlschaos einher. Will man doch nicht sein Sternenkind ersetzen, den inneren Platz auffüllen, sondern den äußerlichen Wunsch einer Familie oder erweiterten Familie verwirklichen. Will man doch „gute Eltern“ für dieses besondere Kind bleiben. Meistens befindet man sich zu diesem Zeitpunkt noch inmitten der Trauer. Wird man dann tatsächlich schnell wieder Schwanger, so ist diese noch sehr von den nicht geheilten inneren Wunden geprägt, was zu einer von Unsicherheit und Angst geladenen Folgeschwangerschaft führen kann.

 

 

Jedes Kind ist ein Geschenk

 

 

Es ist schwer zu beschreiben. Auch ist es schwer zu begreifen, wenn man noch inmitten der Trauer und des Schmerzes steckt. Und selbst wenn man es begreifen kann, so hinterlässt es doch einen bitteren Nachgeschmack. Bedeutet diese Erkenntnis doch, dass der Tod unseres Kindes unser Leben bereichert hat. Und doch ist es genau das, was viele Eltern von Sternenkindern - mich eingeschlossen - berichten.

Sternenkinder vermögen es besonders tiefgreifende Veränderungen in uns zu bewirken. Sie bringen nie dagewesenes und tief verdrängtes zum Vorschein. Dies geschieht durch den leeren Raum den sie hinterlassen. Dadurch eröffnen sie Platz für mehr von uns selbst. Sie schaffen es dadurch, dass wir unseren Blick auf tiefbegrabenes, unhinterfragtes richten, wo wir nie hingeschaut hätten, hätte es sie nicht gegeben. Sie rütteln an unserem Familiensystem. Indem wir das Geschenk, welches unsere Sternenkinder bergen, annehmen und hinsehen, schließt sich dieser Raum wieder. Die Lücke die sie hinterlassen haben, ist dann keine mehr.

Wer also glaubt, Sternenkinder gehen ohne etwas dazulassen, der täuscht sich. Genauso, wie jedes Kind uns erstmal ins Chaos stürzt, so bereichert auch jedes Kind unser Leben. Das ist bei Sternenkindern nicht anders. Jedes Kind ist ein Geschenk. Jedes Kind ist Liebe pur. Und jedes Kind hinterlässt seine Spuren.

 

 

Unser Elternsein annehmen und leben

 

 

Habt den Mut und steht zu euren Gefühlen. Lebt sie. Lasst euch von all den Stimmen da draußen nicht eure Elternschaft für diese besonderen Kinder absprechen. Sprecht über sie. Macht alles, wonach euer Herz verlangt. Gebt eurer Mutter- und Vaterliebe einen Platz. Lasst dieses Sternenkind zur Erfüllung eurer Partnerschaft beitragen. Denn ob unser Kind uns nun täglich auf dieser Welt begleitet oder ewig im unserem Herzen weiterlebt. Die aufgebaute Bindung während der Schwangerschaft reißt niemals ab. Sie begleitet uns bis an unser Lebensende. Sie hört nie auf! Sie ist Teil von uns. Unser Sternenkind ist Teil von uns.

Ja, es ist schwer. Diese Leere, dieses Gefühlschaos und diese furchtbaren Stimmen da draußen, die es verstört, dass wir unseren Früchten der Liebe Namen geben und Bilder von ihnen in unserem Heim aufhängen, obwohl sie schon so früh verstorben sind. Sie verstehen es nicht. Entweder weil sie es selbst nie erlebt haben. Oder weil sie es erlebt haben, doch leider all die Trauer und Elterngefühle unterdrückt haben, welche nun durch unseren offenen Umgang drohen zum Vorschein zu kommen - das ist schmerzhaft - und diesen Schmerz wollen sie weiterhin unterdrücken, indem sie von uns verlangen es ebenso zu tun.

Macht da nicht mit!

Seht ihren Widerstand als ihnen angehörig an. Lasst ihn bei ihnen. Ohne zu Verurteilen oder Schuldzuweisungen. Und bleibt bei euch. Seid im Einklang mit eurem Inneren.

Elternwerden und Elternsein ist schon kompliziert genug. Wenn das Elternsein dann mit einem Schicksalsschlag wie unserem einhergeht, entstehen Lücken und Wunden, die nicht verschwinden, in dem man sie banalisiert, negiert und so tut, als wäre das alles nicht geschehen. Wir Eltern von Sternenkindern möchten ebenso als diese gesehen werden wie alle anderen Eltern auch. Also lasst uns füreinander da sein, geben wir uns gegenseitig Raum für unsere neue Rolle.

 

 

Von Herz zu Herz,
Eure Renate

 

 

Quellennachweis:
  • Brisch, Karl Heinz: SAFE - Sichere Ausbildung für Eltern, Klett-Cotta, 4. Auflage, Stuttgart 2012
  • Brisch, Karl Heinz: Prävention durch prä- und postnatale Psychotherapie, IN: Brisch, Karl Heinz; Hellbrügge Theodor (Hrsg.): Die Anfänge der Eltern-Kind-Bindung – Schwangerschaft, Geburt und Psychotherapie, Klett-Cotta, 2. Auflage, Stuttgart 2007
  • Finger-Trescher, Ute: Eltern – Anmerkungen zu einer denkwürdigen Lebensform, IN: Dörr, Margret, Göppel, Rolf, Funder, Antonia (Hg.): Reifungsprozesse und Entwicklungsaufgaben im Lebenszyklus – Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik 19, Psychosozial-Verlag, Gießen  2011
  • Hidas, Györgi; Raffai, Jenö: Nabelschnur der Seele - Psychoanalytisch orientierte Förderung der vorgeburtlichen Bindung zwischen Mutter und Baby, Psychosozial-Verlag, 2. Auflage, Gießen 2010

 

 

 

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Bildquelle: https://pixabay.com/de/menschen-mann-frau-paar-liebe-2591187/

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